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Der Ansturm aufs Büro hat begonnen

Berlin

Erinnern Sie sich noch? Vor gerade mal 32 Tagen war es verboten, ins Büro zu kommen, wo es nicht zwingend notwendig war. So wollte es noch im März das Gesetz. Und was taten die Angestellten? Sie gewöhnten sich an die pandemiebedingte Freiheit, lernten die Arbeit am Küchentisch ebenso zu schätzen wie die Hausarbeit während der Meetings und die Videokonferenzen vor bunten Bücherregalen. Noch im März gaben 85 Prozent der Befragten in einer Umfrage des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (bidt) an, zufrieden mit ihrer Situation im Homeoffice zu sein.

Doch trotz dieser Euphorie, die im Verlauf der Pandemie quasi ungebrochen war, scheint der Fall der lax gestalteten Homeofficepflicht jetzt die Rückkehr ins Büro eingeläutet zu haben. Das zumindest legen verschiedene Daten zur Büroauslastung nahe. Sicherlich: Die gesunkenen Inzidenzen dürften auch ihren Beitrag geleistet haben. Und doch ist deutlich erkennbar, wie die Auslastung seit dem 20. März, dem Freedom Day, ansteigt.

Zum einen zeigen das Daten von Desksharing-Anbietern. Um die aktuelle Situation in den Büros einzuschätzen, sind ihre Anwendungen hervorragende Gradmesser. In den Softwares lassen sich diverse Daten auslesen: Wie viele Kollegen kommen wirklich ins Büro? Und an welchen Wochentagen bleiben sie am liebsten daheim? Die Beschäftigten können sich in den Anwendungen ihren Lieblingsschreibtisch buchen. Die Firmen wollen mit dem Desksharing langfristig Flächen abbauen, die Mitarbeiter teilen sich dann die Schreibtische.

Markus Merkle, Chef beim Desksharing-Anbieter Flexopus, erkennt in dem Verhalten seiner Kunden in den letzten Tagen einen eindeutigen Trend: „Die Daten zeigen, dass die Unternehmen ihre Büros wieder verstärkt öffnen“, so der Flexopus-Chef. Die Nutzer von Flexopus verbringen mehr Stunden im Büro als noch vor dem Fall der Homeofficepflicht – im Schnitt 19,6 Prozent. Dafür hat Merkle mit seinen Kollegen den Zeitraum vom 1. bis 15. April 2022 mit dem Zeitraum vom 1. bis 15. März verglichen. Tatsächlich verbrachten die Nutzer also selbst in der Woche vor Ostern – in vielen Bundesländern eine Schulferienwoche – mehr Zeit im Büro als noch Anfang März. Noch in den Tagen unmittelbar nach dem Fall der Homeofficepflicht Mitte März lag der Anstieg der Bürostunden nur um 0,2 Prozent höher. Für die WirtschaftsWoche hat Flexopus die Daten von 500 Unternehmen und rund 100.000 Nutzern aggregiert.

Der Trend deckt sich mit den Erkenntnissen des Anbieters Deskbird. Vom 1. bis 18. April verbrachten die Nutzer im Schnitt jeden dritten Arbeitstag im Büro. Im Monat März waren es 22,7 Prozent der Arbeitstage, im Februar nur 19,8 Prozent. Gerade in Kalenderwoche 14, also vom 4. bis 8. April, verbachten die Nutzer mit 33,8 Prozent der Arbeitstage im Schnitt so viel Zeit im Büro wie in keiner der letzten 23 Wochen. Die Daten beruhen auf dem Verhalten der rund 10.000 deutschen Nutzer des Start-ups. Deskbird sitzt zwar in der Schweiz, arbeitet allerdings mit vielen deutschen Kunden zusammen. Mitgründer und Geschäftsführer Ivan Cossu zählt etwa das fränkische Baustoff-Unternehmen Knauf oder das Logistik-Start-up Forto zum Kundenstamm.

Flexopus-Chef Merkle erkennt derzeit noch andere Auffälligkeiten, die für eine Rückkehr ins Büro sprechen. In seiner Anwendung können Unternehmen Schreibtische sperren, um etwa die Abstandsregeln einzuhalten. Aktuell geben die Arbeitgeber allerdings verstärkt Flächen frei: „Vier Wochen vor Wegfall der Homeofficepflicht waren noch 30 Prozent der Arbeitsplätze gesperrt, zum Wegfall der Homeofficepflicht waren es dann nur noch 25 Prozent und ganz aktuell sind nur noch etwa 20 Prozent der Tische gesperrt“, erzählt Merkle.

Zwar sind die Werte nicht repräsentativ für die Breite der Unternehmenslandschaft, da nicht Firmen aus allen Branchen bei Desksharing-Anbietern registriert sind. Merkle zählt etwa Unternehmen wie die AOK und Fritz-Kola zu seinen Kunden. Außerdem gehen die Daten davon aus, dass ein Mitarbeiter nur ins Büro kommt, wenn er auch wirklich über die App gebucht hat. Und trotzdem liefern sie eine spannende Einsicht in deutsche Büros, die sonst kaum zu erhalten ist. Die Werte beruhen nicht auf Umfragen, bei denen Unternehmen und Beschäftigte einschätzen, wie häufig sie wohl in den nächsten Monaten ins Büro pilgern werden, sondern kommen dem tatsächlichen Verhalten der Beschäftigten nahe.

Schon als die Bundesregierung Mitte Februar verkündete, die Homeofficepflicht auslaufen zu lassen, brannte bei Merkle die Hütte, wie er es damals selbst formulierte. 35 Prozent mehr Nutzer waren auf der Webseite von Flexopus unterwegs als noch vor der Ankündigung aus der Politik, berichtete Merkle. Im ähnlichen Maß stiegen zu der Zeit auch die Kundenanfragen an.

Das Schweizer Unternehmen Locatee beauftragen die Firmenkunden sogar explizit damit, die Auslastung in ihren Büros zu messen. Das passiert bei Locatee nicht mittels Desksharing. Das Unternehmen registriert, sobald sich ein Angestellter im Büro mit seinem Arbeitsrechner in das Firmennetzwerk einwählt und dort aktiv ist. Vor der Pandemie war das Tool häufig nur etwas für die ganz großen Unternehmen, die nicht mal eben über die Fläche laufen konnten, um grob abzuschätzen, wie viele Kollegen da sind und welche Flächen besonders beliebt sind. „Während der Pandemie kamen plötzlich viele kleine und mittlere Unternehmen auf uns zu und gehören seitdem zum Kundenstamm“, sagt Sabine Ehm, Managerin bei Locatee.

Gutes Wetter, leere Büros?

Nach Einschätzung von Locatee fällt die Rückkehr ins Büro etwas zaghafter aus als bei den Desksharing-Anbietern. Aber eine Auswertung der Daten von Locatees deutschen Kunden zeigt: Sie findet statt. Sabine Ehm sagt deshalb: „Wir sind zwar weit entfernt vom Niveau vor der Pandemie. Aber: In den letzten Wochen ist die Auslastung bei unseren deutschen Kunden wieder gestiegen“. Vor allem seit dem 1. April zeigt sich demnach in den Daten, dass die Büros wieder voller werden. Aktuell sind die Flächen der deutschen Kunden im Schnitt zu 20 Prozent ausgelastet, in der Spitze auch mal zu 25 Prozent. Vor wenigen Wochen lag die Auslastung noch bei zehn Prozent und weniger.

Wie auch bei den Desksharing-Anbietern gilt, dass die Daten bloß Gradmesser sind und nicht repräsentativ für die deutsche Unternehmens- und Bürolandschaft. Locatee zählt unter anderem die Unternehmensberatungen Deloitte und EY sowie die Zurich Versicherungen zu seinen Kunden.

Und wie geht es weiter? Die Kunden von Locatee planen durchaus wieder mit Auslastungen von 70, ja gar 80 Prozent in der Spitze, verrät Ehm. Sie selbst glaubt nicht daran, dass die Büros schon bald wieder so voll sind, zumindest nicht regelmäßig. Zwar könnte die Auslastung in naher Zukunft noch weitersteigen, ja. Doch die warmen Sommermonate seien ja auch verlockend, um Homeoffice zu machen: „Sie können früh am Morgen anfangen, sparen sich die Pendelwege und haben so womöglich noch viel Zeit nach Feierabend, um raus zu gehen“, meint Ehm. Alles eine Frage des Wetters also.

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